Die Not der Pflegenden

Das bewegt mich:

Es war im Jahr 1989, als ich von einem Seniorenheim – es war ein wirklich gutes Haus mit erstklassigem Ruf – als Pflegedienstleiterin angeworben wurde. Eigentlich kam ich aus der Krankenpflege. Es war mir aber eine Ehre, dass ich gerufen wurde und es war gut.

Dies fiel mir auf – noch intensiver und erschütternder als in der Krankenpflege:   Ich vermisste bei den meisten Pflegekräften jene Art von Esprit, die jede Arbeit zu einer persönlichen Erfüllung werden lässt. Meine Mitarbeiterinnen litten offensichtlich unter manchen politisch wenig realitätsbezogenen Rahmenbedingungen, die es ihnen erschwerten, ihre Arbeit so zu verrichten, wie sie es in einer anspruchsvollen Ausbildung gelernt hatten und wie es erforderlich und passend gewesen wäre.  

Wir könnten es ändern!

Flashmob:   Pflege in Not!

Die Altenpflegerinnen arbeiteten fleißig, gewissenhaft und sorgfältig, hatten das Herz auf dem richtigen Fleck und waren über die Maßen einsatzbereit und willig. Gleichzeitig zeigten viele von ihnen deutliche Zeichen der Überforderung, der Hoffnungslosigkeit oder gar des Burnouts. Was mich nicht wirklich wunderte. Vieles war bereits damals „in der Pflege“ nicht in Ordnung. Man sprach vom Pflegenotstand, von einem dringend nötigen Paradigmenwechsel hin zum ganzheitlichen Pflegeverständnis… Inzwischen sind etwa 28 Jahre vergangen!  Die Situation der Pflege in Kliniken und Einrichtungen der Altenhilfe hat sich dramatisch verschärft, trotz oder vielleicht auch mit Hilfe des Pflegeversicherungsgesetzes, das zum 1.Januar 1995 (SGB XI) in Kraft trat, trotz vielfältiger Maßnahmen zur Qualitätssicherung, trotz Zertifizierungen und trotz des ständigen Druckes von MDK, Aufsichtsbehörden und Qualitätsprüfern, trotz unendlicher Mühe bei übergroßer Zeitnot auch noch den unbedingt erforderlichen Dokumentationspflichten nachzukommen.

Man weiß das. Man redet darüber. Man will es ändern. Ich bin in den vergangenen Jahren seit damals manchmal fast verzweifelt, weil ich zuschauen muss, wie ein überaus wichtiger Berufszweig immer tiefer ins Abseits, in die Resignation und damit in eine Starre gerät – und wie parallel dazu das Leid von Patienten wegen mangelhafter Pflege sich ständig vergrößert. In jedem meiner Handouts (Seminarunterlagen) bei Pflegeseminaren bringe ich den Satz unter: „Wer heute ins Krankenhaus muss oder in einer Einrichtung der Altenpflege untergebracht wird und der sich nicht mehr selbst verständigen kann und der niemanden hat, der für ihn spricht, der ist verraten und verkauft!“

Wir leben in einem der reichsten Staaten auf unserem Planeten!

Selbst die Pflegestärkungsgesetze (PSG I ab 01.01.2015, PSG II und III ab Januar 2017) ändern die Not der Pflegenden nicht, selbst wenn sie für die Pflegebedürftigen einen angemesseneren Leistungsanspruch bewirken.

Für mich ergeben sich folgende Fragen:

1. 
Wie verändern sich Motivation und Engagement von Pflegenden und ihr Gefühl für den Wert ihrer Arbeit und ihrer Professionalität, wenn sie erleben, dass sie um einen entscheidenden Bereich ihrer bisherigen und wichtigen Aufgaben enthoben sind – und zwar ausgerechnet um den Bereich, der für ihre Arbeit über das handwerkliche Können und theoretische Fachwissen hinaus anspruchsvolle Maßstäbe setzt, ihr Berufsethos weitgehend bestimmt und der für Pflegende und Gepflegte einen besonderen Stellenwert hat. Von einem ganzheitlichen Pflegeverständnis rücken wir meines Erachtens immer weiter ab, wenn die Berücksichtigung psychosozialer Bedürfnisse von Patienten und/oder Heimbewohnern, ebenso wie die Erhaltung und Stärkung der Alltagskompetenzen und Ressourcen, die Bezugnahme auf lebensgeschichtlich bedeutsame Erfahrungen und Gewohnheiten inzwischen von sogenannten „zusätzlichen“ Betreuungskräften oder Alltagsbegleitern übernommen werden, die nach den Paragraphen § 53c SGB XI und § 87b SGB XI lediglich ein 14 tägiges Praktikum und einen vierwöchigen Unterricht absolviert haben müssen. Nichts für ungut: ich habe Betreuungskräfte und Alltagsbegleiter/innen kennen gelernt, die aufgrund ihrer Intelligenz und ihrer Empathiefähigkeit, ihrer Leistungsstärke und ihres guten Willens durchaus geeignet sind für diesen Beruf. Ich störe mich aber ebenso oft an dem Bildungsniveau eines Großteils der „zusätzlichen“ Betreuungskräfte und an der Qualität ihrer Ausbildung. Dabei verkenne ich nicht, dass sie für „die Pflege“ tatsächlich eine Entlastung darstellen können, halte es aber für eine politische Fehlentscheidung, einen eklatanten Pflegenotstand durch gering qualifizierte Betreuungskräfte beheben zu wollen, anstatt endlich dem Pflegeberuf gebührende Wertschätzung entgegenzubringen und ihm einen würdigen und im wahrsten Sinne notwendenden Rahmen zu ermöglichen.
2.  
Ist es gesellschaftspolitisch gewollt, dass ein wunderbarer Beruf ins Abseits genötigt wird? Ich habe leider auch nicht den Eindruck, dass die Gewerkschaften ein besonderes Interesse daran haben, Pflegende beharrlich und hartnäckig zu vertreten.
3.
Oder schafft Pflege sich selbst ab, weil die vorherrschende Mentalität und die Durchsetzungskraft der Pflegenden es wenig zulässt, sich erfolgreich darzustellen, sich zu wehren, Bedingungen zu stellen und für ihre eigenen und die Rechte ihrer Klienten nachdrücklich und konsequent einzustehen? Woran liegt es, dass Pflegende weitgehend uneinig erscheinen, wenn es zum Beispiel darum geht, gemeinsam öffentlich aufzutreten, um Veränderungen und Verbesserungen zu bewirken – etwa in der Anerkennung einer Pflegekammer? 
4.
Die Frage, ob die neue generalistische Pflegeausbildung mit dem Berufsabschluss „Pflegefachfrau“ oder „Pflegefachmann“, die ab 2020 startet, wirklich eine Verbesserung bringt, stelle ich ebenfalls gern zur Diskussion und freue mich auf Anregungen und Kommentare zu diesem Blogbeitrag.  

Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer. Seneca

Ich möchte gern mit meinen Möglichkeiten einen Beitrag dazu leisten, dass Pflegende, die einmal hoch motiviert einen helfenden Beruf ergriffen haben, wieder den Mut finden, für die gemeinsame Sache einzustehen und ihre Bedürfnisse und Interessen öffentlich zu machen – wohlgemerkt: es geht keinesfalls in erster Linie um das Gehalt, sondern um die gesellschaftliche und politische Wertschätzung eines unentbehrlichen Berufszweiges: Pflege hilft heilen! Der menschliche und therapeutische Wert guter Pflege wird in Deutschland völlig unterschätzt.
Pflegende erobern sich in unseren Fortbildungen die Leidenschaft für ihre beachtlichen Aufgaben und die Identifikation mit ihrer beruflichen Rolle zurück. Aktuelle Themen und Termine findet ihr hier:

„Die Pflege“ kann dann dem Apfelbaum auf dem Foto rechts auf dieser Seite gleichen, der unbeirrt von der hohen alten Mauer an ihr emporgewachsen ist, bereits über sie hinausragt und Früchte trägt!

Kassel, 15. Juli 2017
Susanne Stein

PS: Wenn Ihr einen Kommentar zu meinem Beitrag schreiben wollt, so klickt bitte auf: Schreibe einen Kommentar. Ich bin gespannt auf Eure Meinungen!

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4 Comments

  1. In unserer von Optimierungswahn und Profitgier dominierten Zeit bleibt der Mensch auf der Strecke.
    Kranke und Pflegebedürftige werden heutzutage nur als „Kostenfaktor“ gesehen und die in diesem Bereich Tätigen sind überlastet und unterbezahlt. Es ist deshalb so wichtig, die Not der Pflegenden und die gesamte Thematik in den Fokus der Öffentlichkeit zu bringen mit dem Ziel, Wertschätzung und angemessene Bezahlung zu erreichen.
    Dank an IQ-Konzepte, Susanne Stein, und viel Erfolg!

    • Danke auch an Dich, liebe Helga! Ich freue mich über jeden Mitstreiter für die gute, menschenwürdige Sache im Interesse dieser Welt und ihrer Kreaturen. Liebe Grüße von Sophine 🙂

  2. Hallo Susanne Stein – ich bin wie Sie auch skeptisch, ob eine Verbesserung durch eine vereinfachte Ausbildung erreicht werden wird. Es liegt ja nicht daran, dass zu wenig Fachkräfte da sind, sondern daran, dass sie einfach nicht eingestellt werden und vielleicht auch zu sparsam bezahlt werden. Das macht diesen Beruf so unattraktiv. Dazu kommt, dass durch falsches Personalmanagement die vorhandenen Pflegekräfte besonders in Krankheits- oder Urlaubszeiten derart überlastet sind, dass man mit seiner Motivation und seinem Engagement schon arg an die Grenzen kommt.
    Um auch auf die Stellung der Alltagsbegleiter und Betreuungskräften zu sprechen zu kommen, muss ich sagen, dass diese sehr sinnvolle Arbeit in der Tat in der Mehrzahl der Häuser sehr gerne von der Hauswirtschaft oder auch teilweise der Pflege in Anspruch genommen wird. Dadurch gehen dort Ressourcen verloren, was ich für die Bewohner sehr schade finde. Das sollte sich wirklich mal überall ändern. Ich kenne derzeit nur einen Träger in der Region Kassel, der die gesetzlichen Vorgaben für den Einsatz von Alltagsbegleitern und Betreuungskräften einigermaßen umsetzt.

    Ich finde Ihre Seite sehr gut, informativ und hilfreich. 🙂

    • Liebe Bettina, herzlichen Dank für Ihren Kommentar – ich freue mich besonders, wenn sich betroffene Alltagsbegleiter, Betreuungskräfte und Pflegekräfte zu Wort melden.
      In einer Sache ergänze ich Ihren Beitrag gern: Leider gibt es aufgrund der unerfreulichen, politisch mit verursachten Bedingungen, tatsächlich nicht mehr genügend gut ausgebildete und kompetente Pflegefachkräfte in Deutschland. Die Lage wird sich in den kommenden Jahren dramatisch verschärfen, es sei denn, den Betroffenen in den Gesundheitsberufen gelingt es – am besten mit Unterstützung von Patienten und ihren Angehörigen – eine gesellschaftliche Bewegung zu organisieren, die die politischen Entscheider beeinflusst. Übrigens: Jeder Mensch ist potentieller Patient und Angehöriger.
      Zum Thema „sinnvoller Einsatz von Alltagsbegleitern und Betreuungskräften“ stehe ich ganz und gar auf Ihrer Seite – das wissen Sie ja! Alles Gute für Sie und Ihre Arbeit. Bleiben Sie bei der Stange! Ihre Susanne Stein (Sophine)

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